Heilbronner Stimme vom 06.12.2011
Wie Phönix aus der Asche
Von unserer Mitarbeiterin Leonore Welzin
Heilbronn - Der Luftangriff am 4. Dezember 1944 auf Heilbronn, bei dem die Altstadt fast völlig zerstört wurde und über 6500 Menschen ihr Leben verloren, wurde zur Katastrophe für die Stadt. Auch die Kilianskirche und, bis auf zwei Glocken, das Geläut sind dem Bombenhagel und den Flammen zum Opfer gefallen. Das Datum hat sich ins kollektive Gedächtnis gegraben. Seit 1946 gehört das Gedenkkonzert des Philharmonischen Chors Heilbronn zu den bewegenden Momenten im kulturellen Jahreslauf der Stadt. 900 Menschen sind in das Gotteshaus gekommen, um in Demut die Opfer zu würdigen und gemeinsam die Trauer ein Stück weit zu bewältigen.
Von Herzen Im 67. Jahr wird am Schicksalstag Beethovens "Missa solemnis" aufgeführt. Beethoven selbst bezeichnet diese feierliche Messe als sein vollendetstes Werk. Vier Jahre hat er daran gearbeitet; in den Autograph schreibt er: "Von Herzen, möge es wieder zu Herzen gehen!" Unter dieses Motto scheint Ulrich Walddörfer die Aufführung mit dem Philharmonischen Chor, Mitgliedern des Staatsorchesters Stuttgart und den Solisten Lydia Zborschil (Sopran), Carmen Mammoser (Alt), Robert Wörle (Tenor) und Thomas Wittig (Bass) und Joachim Schall (Solovioline) zu stellen.
Leidenschaftlich, aber ohne Pathos das Dirigat. Von bestechender Prägnanz ist die Modellierung der Themen und Motive, ausgefeilt ihre Artikulation, beredt die Phrasierung, pointiert sind die Akzente bis ins einzelne Instrument. Wie von einem Atem getragen, greifen Orchester- und Chorstimmen ineinander. So entfaltet die Komposition ihre Botschaft, ihr Ringen um elementare Fragen − so außerordentlich tief und anrührend.
Die Missa Solemnis ist keine reine Kirchenmusik, symphonische Stellen machen einen Großteil aus. Technisch wie stimmlich stellt sie hohe Anforderungen an Solisten, Chor und Orchester. Melancholische Harmonien für das vom Tenor angeführte "Incarnatus" weichen im "Crucifixus" ausdrucksvollen Steigerungen bis zum a cappella gesetzten "Et resurrexit", das heiter, aber abrupt endet. Den außergewöhnlichsten Teil des Satzes bildet die Fuge über "Et vitam venturi saeculi". Im "Sanctus" tritt nach einem orchestralen "Preludio" die Solo-Violine in höchster Tonlage hinzu. Den Heiligen Geist symbolisierend leitet sie den letzten Satz ein. Im "Agnus Dei" führt das Flehen der Männerstimmen im "Miserere nobis" zum Friedensgebet "Dona nobis pacem". Die Linke zur Faust geballt, als habe er für einen Moment den Phönix aus der Asche erhascht, beendet Walddörfer das großartige Konzert.
Philharmonischer Chor Heilbronn
